Green Finance ist aus der Unternehmensfinanzierung inzwischen nicht mehr wegzudenken. Auch für den kleineren Mittelstand wird das Thema Nachhaltigkeit bei der Kreditfinanzierung immer wichtiger, sagen Ina Liermann und Rainer Neidnig von der Helaba.
Frau Liermann, Herr Neidnig, genau vor einem Jahr haben wir ein Interview zum Thema Green Finance geführt. Wie hat sich der Markt seitdem entwickelt?
Rainer Neidnig: Der Markt für Finanzierungen mit ESG-Komponente ist rasant gewachsen, 2021 auf weltweit über 1.600 Mrd. USD. Etwa zwei Drittel hiervon entfallen auf den Kapitalmarkt, und ein Drittel auf Kredite. Während das Volumen für zweckgebundene grüne Kredite weitgehend gleich blieb, haben Sustainability-linked Loans deutlich zugenommen und ein Volumen von rund 430 Mrd. USD erreicht. Mit Ausnahme des Corona-Jahres 2020 lässt sich eine Verdopplung von Jahr zu Jahr erkennen und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Eine ESG-Zinskopplung war im vergangenen Jahr bei 40 Prozent aller Konsortialfinanzierungen Bestandteil des Kreditvertrages. Wir beobachten, dass sich dieser Trend zunehmend auch im bilateralen Kreditgeschäft abzeichnet.
Warum spielen Sustainability-linked Loans im Vergleich zu Green Loans eine größere Rolle?
RN: Die Bereitschaft der Banken, grüne Projekte zu finanzieren, ist sehr hoch. Allerdings steht dem eine sehr begrenzte Anzahl entsprechender Investitionsprojekte in Deutschland gegenüber. Für solche Projekte werden eine Vielzahl von Förderkrediten bspw. von der KfW angeboten.
Ina Liermann: Abgesehen davon haben Sustainability-linked Loans den Vorteil, dass sie Unternehmen Flexibilität bieten. Die Finanzierung wird hier nicht an ein konkretes Projekt, sondern an die Nachhaltigkeitsperformance des gesamten Unternehmens gekoppelt, gemessen an Key Performance Indicators (KPIs) oder speziellen Nachhaltigkeitsratings. Darüber hinaus sind Back-up- Fazilitäten möglich. Zudem sorgt das Festlegen von konkreten ESG-Zielen für mehr Transparenz. Wir sehen uns hier als Transformationsbegleiter für die Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit in ihren Geschäftsmodellen stärker abbilden wollen und bereit sind, sich auch darauf verpflichten zu lassen.
Wird sich dieser Trend zugunsten der Sustainability-linked Loans fortsetzen?
RN: Wir gehen davon aus, dass nicht-zweckgebundene Kredite mit ESG-Zinskopplung für Mittelständler mit einem Finanzierungsvolumen von 50 Mio. EUR aufwärts in absehbarer Zeit zum Standard werden. Die zweckgebundenen Green Loans dagegen werden in ihrer jetzigen Form durch die Taxonomie wohl obsolet. Für einen Green Loan benötigen wir heute noch ein Framework, in dem beschrieben wird, was finanziert wird und wie über die Mittelallokation berichtet wird. Zudem braucht es eine Second Party Opinion. Das kostet Zeit und Geld. Sinn und Zweck der EU-Taxonomie ist es ja, für alle klar zu definieren, was als „nachhaltig“ gelten darf.
Inwieweit beeinflussen die Taxonomie und die Verschärfung der regulatorischen Anforderungen bereits heute den Kreditprozess?
IL: Nachhaltigkeitsrisiken, die wir früher eher implizit betrachtet haben, werden nun stärker herausgestellt und müssen entsprechend von den Banken berichtet werden. Das Thema ist aber auch strategisch relevant: Wir durchforsten unser Kreditportfolio nach Taxonomie-Kriterien und sprechen unsere Kunden konkret an, wenn wir Verbesserungsbedarf sehen. Denn Nachhaltigkeitsrisiken schlagen irgendwann auf die Bonität und das Kreditrisiko durch. Viele benötigen aber gar nicht den Anstoß der Bank, sondern gehen das Thema proaktiv an, indem sie ihr Geschäftsmodell auf Nachhaltigkeit überprüfen.
Sind Sustainability-linked Loans auch für kleinere Unternehmen mit Finanzierungsbedarf von weniger als 50 Mio. EUR denkbar?
RN: Der Reporting-Aufwand für Sustainability-linked Loans wird sich aus Unternehmenssicht durch die Überarbeitung der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) deutlich verringern. Demnach sollen ab 2023 alle Unternehmen ab einer Bilanzsumme von 40 Mio. EUR oder mit einem Umsatz von mehr als 20 Mio. EUR und 250 Mitarbeitern eine ausformulierte Nachhaltigkeitsstrategie und einen Nachhaltigkeitsbericht vorlegen. Natürlich müssen die Kredite dann immer noch durch die Bank strukturiert und KPIs definiert werden. Für die Mittelständler wird der Zusatzaufwand dann aber minimal sein.
Welches Interesse sollte ein kleines Unternehmen haben, sich freiwillig einer permanenten Nachhaltigkeitsprüfung durch seinen Kreditgeber zu unterziehen?
IL: Die Argumente, die dafürsprechen, sind dieselben wie bei großen Unternehmen: Bei einer Zielerreichung profitiert das Unternehmen von einem Abschlag in Höhe von 2,5 Basispunkten. Das ist nicht sehr viel, aber es sendet ein Signal sowohl in das Unternehmen hinein als auch nach außen in Richtung Kunden, weiterer Finanziers und Lieferanten. Diesen Effekt halten wir für viel bedeutsamer.
Werden ESG-Ratings nach der Umsetzung der CSRD überhaupt noch eine Rolle spielen?
RN: Ich glaube nicht, dass sich Unternehmen allein für die Finanzierung zukünftig extra noch ein Rating einholen. Allerdings gibt es noch andere Argumente für ein externes Rating. So haben wir die Erfahrung gemacht, dass manchen Unternehmen die Abbildung durch KPIs nicht ausreicht, um ihr gesamtes Nachhaltigkeitsprofil abzubilden. Auch bei Private-Equity-geführten Unternehmen und bei Unternehmensverkäufen wissen wir, dass ESG-Ratings i.d.R. – auch unabhängig von der Finanzierung – eingeholt werden.
RAINER NEIDNIG arbeitet seit 20 Jahren im Finanzsektor. Seit 2013 berät er die Firmenkunden der Helaba in finanzstrategischen Bereichen, seit 2019 verantwortet er das Sustainable Finance Advisory der Bank. Zuvor war er mehrere Jahre für eine internationale Großbank und eine der beiden weltweit führenden Ratingagenturen tätig.
Fotos: Helaba