Aktuelle Herausforderungen beim Unternehmensverkauf

Beitrag von: Jochen Reis
30. März 2023

Ukraine-Krieg, Inflation, Corona-Pandemie und steigende Zinsen drücken im M&A-Markt auf die Stimmung. Unsichere Geschäftsaussichten erschweren die Kaufpreisfindung. Zudem wird die Kaufpreisfinanzierung immer mehr zur Hürde.

Im Vergleich zum Rekordjahr 2021 hat sich die M&A-Aktivität in Deutschland und in Europa 2022 deutlich abgekühlt. Insbesondere die Anzahl größerer Transaktionen ist stark zurückgegangen, während kleinere Transaktionen nahezu im gewohnten Umfang zum Abschluss kamen. Ob sich die Aktivität des M&A-Marktes 2023 stabilisieren oder sogar wieder verstärken wird, lässt sich im Moment noch nicht abschätzen, denn Verkäufer sind derzeit mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert.

Schwierige Kaufpreisermittlung

Eine besondere Hürde stellt aktuell die Herleitung des Unternehmenswertes dar: Der Kaufpreis wird i.d.R. entweder über das sogenannte Multiple-Verfahren und/ oder Discounted-Cashflow-Verfahren hergeleitet. Beim Multiple-Verfahren dient ein nachhaltiges EBITDA als Basis zur Berechnung. Beim Discounted-Cashflow-Verfahren werden zukünftige nachhaltige Cashflows zugrunde gelegt. Bei beiden Ansätzen ist die Bestimmung von nachhaltigen Werten entscheidend und stark wertbeeinflussend. Dabei obliegt es dem Verkäufer zu beweisen, dass geplante Umsätze, Profitabilitätsniveaus (wie z.B. EBITDA), Margen und Cashflows auf validen Annahmen beruhen. Viele Planungen basieren auf historischen Werten – häufig zieht man die zurückliegenden drei Geschäftsjahre heran und schreibt diese fort. Eine solche Fortschreibung ist jedoch momentan kaum möglich.

Wertmindernde Faktoren

Wurden in der Vergangenheit bspw. Umsätze mit Kunden in Russland oder der Ukraine generiert, werden diese nun aufgrund des Krieges von der Käuferseite aus den historischen Werten EBITDA-reduzierend herausgerechnet. Durch die Engpässe auf den Lieferantenmärkten und die damit verbundenen Materialpreisschwankungen sowie die höheren Beschaffungskosten lassen sich historische Materialkostenniveaus nicht einfach in die Zukunft fortschreiben und nur schwer planen. Die wenigsten Unternehmen haben mit ihren Kunden Preisgleitklauseln vereinbart, die es erlauben, die gestiegenen Materialpreise in vollem Umfang an die Kunden weiterzugeben.

Auch die derzeitige Entwicklung der Energiepreise und der Energieverfügbarkeit drückt bei vielen produzierenden Unternehmen auf die Profitabilität. Hinzu kommt, dass im Zuge der hohen Inflation und des Fachkräftemangels die Löhne und Gehälter steigen. Da diesen Personalkostensteigerungen keine höhere Leistung gegenübersteht, sinkt das EBITDA, sofern die Kosten nicht an die Kunden weitergereicht werden können.

Zudem wird der Digitalisierungsgrad von Unternehmen als Einflussfaktor bei der Ermittlung des Unternehmenswertes immer wichtiger. Unternehmen, die nicht digital aufgestellt sind, müssen damit rechnen, dass Kaufinteressenten erhebliche Abschläge beim Kaufpreis vornehmen.

Und nicht zuletzt spielt auch die Corona-Pandemie bei der Herleitung des Kaufpreises bei vielen Unternehmen noch eine große Rolle: Die staatlichen Corona-Hilfen und Pandemie-bedingte Kosteneinsparungen erschweren die Berechnung des Unternehmenswertes. Häufig werden auch hier Preisabschläge auf der Käuferseite vorgenommen.

Unterschiedliche Vorstellungen bei Verkäufer und Käufer

All diese Effekte führen dazu, dass die Preisvorstellungen von Käufer und Verkäufer häufig nicht zueinander passen. Verkäufer orientieren sich noch an relativ hohen historischen Kaufpreisen, wenn sie in Verkaufsgespräche eintreten, während Käufer wie beschrieben aufgrund der zahlreichen Unsicherheiten Preisabschläge vornehmen. Auf der Verkäuferseite ist es deshalb umso wichtiger, sich sehr intensiv und professionell auf den Verkaufsprozess vorzubereiten und dabei großen Wert auf die Themen Umsatz- und Kostentransparenz sowie Profitabilität zu legen, da diese für den Kaufinteressenten immens wichtig sind.

Dealbreaker Finanzierung

Neben der Kaufpreis-Thematik gibt es weitere Herausforderungen, die Verkäufer derzeit davon abhalten, ihr Unternehmen zu verkaufen. Angesichts der aktuell steigenden Zinsen wird es für Käufer immer schwieriger, die in den meisten Fällen benötigte Finanzierung des Kaufpreises zu erhalten. Selbst wenn sich beide Parteien einig über den Kauf des Unternehmens sind, scheitern einige Transaktionen noch auf der Zielgeraden aufgrund fehlender Finanzierung bzw. zu hoher Finanzierungskosten.

Einhaltung von ESG-Kriterien

Nicht zu unterschätzen sind auch die immer stärker werdenden Forderungen nach der Einhaltung von bestimmten ESG-Kriterien. ESG steht für Environmental (insbesondere Umweltschutz, Emissionsreduzierung, Energieeffizienz und Verwendung von erneuerbaren Energien), Social (insbesondere Diversity, Corporate Social Responsibility, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz) und Governance (Unternehmensführung, Nachhaltigkeitsmanagement, Umgang mit Whistleblowing). Finanzinvestoren und börsennotierte Unternehmen richten mittlerweile ihr Augenmerk auf die ESG-Kriterien, weshalb Unternehmen, die die Nachhaltigkeitskriterien nicht einhalten, für diese Käufergruppen von vorneherein nicht infrage kommen.

Illustration: 123rf.com/jozefmicic

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