Eine bessere Work-Life-Balance steht bei vielen Kanzleimitarbeitern auf dem Wunschzettel ganz oben. Vor vier Jahren machte die Wirtschaftskanzlei Rose & Partner einen mutigen Schritt und führte die 36-Stunden-Woche bei vollem Gehalt ein. Im Interview zieht Kanzleigründer Bernfried Rose vorläufig Bilanz.
Herr Rose, in Ihrer Kanzlei arbeiten alle Angestellten 36 Stunden in der Woche oder sogar weniger. Wie kam es zur Einführung dieses Arbeitszeitmodells?
Bernfried Rose: Ich habe nach der Geburt meines ersten Kindes im Jahr 2010 meine Arbeitszeit reduziert und bin freitags zu Hause geblieben. Das hat mir gutgetan, und ich hatte das Gefühl, dass es meiner Leistung nicht schadet. Daher haben wir 2019 im Partnerkreis beschlossen, allen Mitarbeitern eine reduzierte Wochenarbeitszeit ohne Gehaltseinbußen anzubieten. Für angestellte Anwälte gilt die 36-Stunden-Woche, für sonstige Mitarbeiter, insbesondere Fachangestellte im Sekretariat, die 34-Stunden-Woche.
Hand auf Herz: Funktioniert das wirklich, oder steht das nur auf dem Papier?
BR: Es funktioniert. Wir betreuen einfach weniger Mandate pro Anwalt. Die überwiegende Zahl der Mandatsanfragen lehnen wir daher ab. Unsere Angestellten arbeiten alle in Gleitzeit mit einem Zeiterfassungssystem. Wenn ein Projekt doch einmal sehr zeitaufwendig ist, kann der Mitarbeiter das mit Freizeitausgleich selbst regulieren.
Wie hat die Einführung der 36-Stunden-Woche die Abläufe in der Kanzlei verändert?
BR: Die Teams an den einzelnen Standorten haben sich zum Teil neu organisiert, je nachdem wie die Kollegen ihre Arbeitszeit auf die Tage aufteilen. Die meisten bevorzugen eine 4-Tage-Woche. Andere arbeiten lieber an fünf Tagen und dafür kürzer. Die Mitarbeiter und Standorte stimmen sich untereinander ab. So können wir die Kapazitäten immer optimal einsetzen. Außerdem haben wir weiteres Personal eingestellt, damit keine Engpässe entstehen.
Die Arbeitszeitregelung gilt für Angestellte in Ihrer Kanzlei. Wie hoch ist die Arbeitslast der Partner?
BR: Das entscheiden die Partner selbst, daher ist es sehr individuell. Wir verstehen uns als ein Netzwerk aus Freiberuflern, die alle gleichberechtigt sind. Wir entscheiden selbst, wann, wie viel, wo und für welche Mandanten wir arbeiten – natürlich mit gewissen Standards und im Team. Die selbstständigen Umsatz-Partner sind mit 50 Prozent an ihrem persönlichen Umsatz beteiligt. Das bedeutet: Wer viel arbeitet, verdient auch viel. Allerdings arbeiten die meisten Partner bei uns im Durchschnitt auch nur 40 Stunden. Eigentlich ist das erstaunlich, weil die Incentivierung, mehr zu arbeiten und auch mehr zu verdienen, groß ist.
Unseren Associates mit entsprechender Erfahrung bieten wir stets auch die selbstständige Tätigkeit im Rahmen einer Umsatz-Partnerschaft an. Das ist sehr beliebt, nicht nur wegen der hohen Flexibilität und Selbstbestimmtheit, sondern auch, weil es wirtschaftlich sehr attraktiv ist.
Gibt es Umsatzvorgaben für die Berufsträger?
BR: Wir sind da sehr zurückhaltend. Die Vorgaben liegen deutlich unter denen anderer Kanzleien und sind nicht verbindlich. Mit 800 Billable Hours pro Jahr können wir gut leben. Wir müssen dafür sorgen, dass wir viele und gute Leute haben, weil wir pro Anwalt viel weniger verdienen als Konkurrenzkanzleien. Durch die hohe Umsatzbeteiligung haben wir eine hohe Kostenquote. Auf der anderen Seite profitiert die Kanzlei von der großen Mitarbeiterzufriedenheit und besonderen Qualität der Mandatsarbeit. Zudem können wir durch die Größe skalieren, sodass es sich auch für die Equity-Partner lohnt. Allerdings spielen wir nicht in der Liga der Großkanzleien mit, in denen ein Anwalt für die Kanzlei 200.000 bis 300.000 Euro Gewinn pro Jahr macht.
Wie haben Ihre Mandanten auf die Einführung der 36-Stunden-Woche reagiert?
BR: Sie haben das gar nicht mitbekommen. Da die Betreuungsqualität gleichgeblieben ist, hat sich für die Mandanten nichts geändert. Unsere Anwälte sind bis auf wenige Ausnahmen allesamt Fachanwälte mit entsprechender Berufserfahrung, die an den Standorten eigenverantwortlich arbeiten. Natürlich schauen die Anwälte auch am Freitag in ihre E-Mails, ob etwas anbrennt. In unserem Geschäft passiert das aber äußerst selten, da wir überwiegend an Projekten arbeiten. Neben Unternehmen beraten wir vermögende Privatpersonen bei komplexen rechtlichen und steuerlichen Fragen und Rechtsstreitigkeiten.
Ist Ihre Attraktivität als Arbeitgeber im War for Talents gestiegen?
BR: Auch wir können nicht jede Stelle sofort mit unserem Wunschkandidaten besetzen, haben aber sicher aufgrund unseres Alleinstellungsmerkmals bei der Work-Life-Balance einen Vorteil. Leider bewerben sich immer noch zu wenig Frauen bei uns. Wir hatten gehofft, dass verlässliche Arbeitszeiten mit einer überschaubaren Stundenanzahl insbesondere für Anwältinnen und Fachkräfte mit Kindern interessant wären. Bislang haben wir noch relativ wenige Kolleginnen im Team, die davon profitieren. Diese Mitarbeiterinnen genießen es sehr, so viel Entscheidungsfreiheit in Bezug auf ihre Arbeitszeit und den Arbeitsort zu haben. Immerhin: In den vergangenen drei Jahren konnten wir mehr Frauen als Männer dazugewinnen und so unsere Frauenquote erhöhen.
Foto: Rose & Partner