Das Transaktionsgeschäft schwächelt. Hohe Zinsen für die Finanzierung und unsichere Rahmenbedingungen verderben die Kauflaune. Für Dealflow sorgen vor allem Mittelstandstransaktionen. Ralph Hagelgans und Roland Schulz von Livingstone erklären, warum der M&A-Markt gerade nicht in Schwung kommt.
Herr Hagelgans, Herr Schulz, wie beurteilen Sie das aktuelle Marktumfeld für Unternehmenstransaktionen?
Ralph Hagelgans: Der M&A-Markt bekommt derzeit aus verschiedenen Richtungen Gegenwind: Die geopolitische Lage sorgt u.a. dafür, dass Unternehmen sich nach wie vor mit dem Thema Lieferketten beschäftigen müssen. Die Inflation lässt die Kosten steigen und die Zinswende hat dazu geführt, dass Fremd-, aber auch Eigenkapital teurer geworden sind.
Roland Schulz: Im Vergleich zu den Jahren 2021 und 2022 sind im ersten Halbjahr 2023 die globale Deal-Aktivität und das Transaktionsvolumen deutlich zurückgegangen. Nach zwei sehr guten Jahren befinden wir uns derzeit beim Transaktionsvolumen wieder auf dem Vor-Corona-Niveau. Auch in Deutschland sehen wir vor allem im Transaktionsvolumen einen Rückgang, was aber insbesondere auf die geringe Anzahl großer Deals zurückzuführen ist. Der M&A-Markt im Small- und Mid-Cap-Bereich ist dagegen relativ stabil.
Welche Entwicklung erwarten Sie für das vierte Quartal?
RS: Wir gehen davon aus, dass die aktuellen Marktverhältnisse erstmal so bleiben, d.h., der Transaktionsmarkt wird weiterhin vor allem vom Small- und Mid-Cap-Bereich getrieben, wenn auch die ersten größeren Transaktionen wieder realisiert wurden.
RH: Darüber hinaus sehen wir, dass das Interesse deutscher Unternehmen an Zukäufen im Ausland wieder zunimmt. Neben der Lieferkettenproblematik setzen sich die Unternehmen nämlich auch mit der Frage auseinander, woher künftig die Wachstumsimpulse kommen sollen. Der erwartete Nachfrageschub aus China ist nach dem Ende der Corona-Pandemie ausgeblieben. Der Mittelstand sucht insofern – auch vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage – nach neuen Absatzmärkten und Produktionsmöglichkeiten mit niedrigen Energiekosten im Ausland.
Welche Länder und Regionen sind aus deutscher Sicht für die Expansion ins Ausland besonders interessant?
RS: Industrieunternehmen, die mehr Unabhängigkeit von China anstreben, blicken vor allem in die USA. Die Vereinigen Staaten sind aber nicht nur als Absatzmarkt interessant, sondern auch als Produktionsstandort aufgrund der vergleichsweise geringen Energiekosten.
RH: Aber auch Länder in Südostasien wie Malaysia, Südkorea, die Philippinen, Indonesien und Japan werden in Zukunft bei Auslandsinvestitionen eine viel größere Rolle spielen.
Welche Branchen sind derzeit im Transaktionsmarkt besonders gefragt?
RS: Nach wie vor stehen Unternehmen aus den Branchen erneuerbare Energien, Digitalisierung, Gesundheit und Business Services auf der Liste der Käufer. Klassische Industriebranchen wie der Maschinen- und Anlagenbau tauchen dort immer seltener auf. Allerdings halten strategische Käufer aus dem Ausland auch hier unverändert Ausschau nach Nischenmarktführern in Deutschland, die sie in ihr Portfolio integrieren können.
RH: Auch bei Industrien mit hoher Energieintensität, wie der Chemie, sind Investoren deutlich selektiver geworden. Gleiches gilt für Sektoren mit hohem Konsolidierungsdruck, wie in Teilen der Automobilzulieferindustrie: Hier können die wenigen Konsolidierer im Markt mittlerweile „Cherry-picking“ betreiben.
Warum sind gerade Small- und Mid-Cap-Unternehmen so gefragt?
RS: Im kleineren Segment spielt die Finanzierung keine so große Rolle. Das macht Small- und Mid-Cap-Transaktionen unabhängiger vom Finanzierungsmarkt. Der gewaltige Zinsanstieg, der den Unternehmenskauf teurer macht, schlägt hier einfach nicht so stark durch wie im Large-Cap-Bereich. Für Dynamik in diesem Segment sorgen auch Finanzinvestoren, die eine Buy-and-Build-Strategie für ihre Portfoliounternehmen verfolgen.
RH: Umgekehrt ist es für Unternehmer im aktuellen Umfeld wieder interessanter geworden, auch über einen Unternehmensverkauf nachzudenken. Zum einen sind die Unternehmer in diesen unsicheren Zeiten bestrebt, ihr Vermögen zu diversifizieren. Zum anderen hat sich durch die Zinserhöhungen die Wiederanlagesituation deutlich verbessert. In der Niedrigzinsphase waren die Unternehmens-Multiples zwar hoch, gleichzeitig wussten viele Unternehmerfamilien aber nicht, wie sie den Verkaufserlös anlegen sollten.
Haben sich die unterschiedlichen Preisvorstellungen zwischen Käufern und Verkäufern inzwischen angenähert?
RS: Das wirtschaftliche Umfeld hat sich nicht gebessert und ein Aufschwung ist auch nicht in Sicht. Je länger dies so bleibt, desto mehr Realismus zieht ein. Wir beobachten bereits, dass sich die Käufer und Verkäufer langsam in ihren Preisvorstellungen aufeinander zubewegen.
Lässt sich diese Entwicklung an den Kaufpreisen ablesen?
RH: Die Multiples sind gesunken, gleichzeitig sind sie im historischen Vergleich aber noch immer auf einem hohen Niveau. Allerdings muss man sich die einzelnen Sektoren genau anschauen. Es gibt Branchen wie die Medizintechnik, die relativ unempfindlich auf das aktuelle Umfeld reagieren. Darüber hinaus gilt, dass der Kaufpreis letztlich auch immer von der Qualität des jeweiligen Unternehmens selbst abhängt – unabhängig von der Branche.
Private Equity sitzt auf vollen Geldtöpfen, die investiert werden wollen, gleichzeitig wächst der Exit-Druck. Könnten Finanzinvestoren dem Transaktionsmarkt neuen Schwung verleihen?
RH: Private Equity befindet sich in einem Dilemma. Einerseits ist das Marktumfeld für Exits schwierig. Andererseits wollen die Investoren von ihren Finanzinvestoren erst einmal Rendite sehen, bevor sie bereit sind, in einen neuen Fonds zu investieren. Das Fundraising wird zusätzlich durch die steigenden Zinsen erschwert, denn für die Anleger sind nun auch wieder andere Anlageklassen interessant geworden.
ROLAND SCHULZ (Foto rechts) ist Associate Partner bei Livingstone in Deutschland am Standort Hamburg. Er begann seine Karriere im Bereich Financial Advisory Services bei BDO und arbeitete vor seiner Tätigkeit bei Livingstone im M&A-Bereich verschiedener Banken. Er verfügt über langjährige Erfahrung bei Nachfolgesituationen, Carve-outs, Kapitaleinwerbungen, Asset-Verkäufen sowie bei der Umsetzung anorganischer Wachstumsstrategien.
Fotos: Livingstone