„Wir kommen erst ins Spiel, wenn die Bank raus will“

Beitrag von: Ulrike Lüdke
28. November 2023

Jenseits der Finanzierung von Private-Equity-Übernahmen erobert sich Private Debt immer mehr Nischen im Mittelstandsgeschäft. Dazu zählt die Ablösung und Refinanzierung von Kreditverträgen für Unternehmen, die kurzfristig einen hohen Fremdkapitalbedarf haben. Mithilfe der Brückenfinanzierung durch einen Debt Fund können sich Unternehmen restrukturieren und ihre Bonität zurückgewinnen, sagt Johannes Neumann-Cosel von Patrimonium.

Herr Neumann-Cosel, 36 Prozent weniger Deals, 72 Prozent weniger Fundraisings für Private Debt in Europa: Die Zahlen für das erste Halbjahr 2023 enttäuschen, obwohl Private Debt doch eigentlich zu den Gewinnern der Zinswende gehört …

Johannes Neumann-Cosel: Ein sehr großer Teil des gesamten Private-Debt-Geschäfts entfällt auf Leveraged-Buyout-Transaktionen. Die starken Einbrüche am LBO-Markt schlagen folglich auch auf den Private-Debt-Markt durch. Die höheren Margen, die sich durch die Zinserhöhungen ergeben, können dies nicht kompensieren.

Wie läuft das Geschäft für Patrimonium?

JNC: Auch wir sind von aktuellen Veränderungen im Finanzierungsmarkt betroffen. Allerdings finanzieren wir nicht nur Firmen mit Private-Equity-Beteiligung durch unsere Direct Lending Funds, sondern auch mittelständische Unternehmen, die sich in einer Sondersituation befinden aus unseren Special Situations Fund. In diesem Bereich hat die Aktivität stark zugenommen. Wir sehen aktuell viele Unternehmen, die noch bis vor Kurzem profitabel waren und jetzt im Zuge der Eintrübung der Konjunktur in Schwierigkeiten geraten sind. Das sind keine Zombies, sondern oft gute Unternehmen, denen wir über diese schwierige Phase hinweghelfen können.

Wächst die Angst vor Kreditausfällen?

JNC: Die Anzahl der Kreditausfälle steigt zwar, allerdings befinden wir uns immer noch auf einem relativ niedrigen Niveau. Vor diesem Hintergrund schätzen wir die Gefahr einer Welle an Non-Performing Loans als gering ein. Was unsere eigenen Investitionen betrifft, kann ich sagen: Unsere Portfolien sind stabil. Wir machen uns keine Sorgen.

Wie kann Corporate Private Debt den Restrukturierungsprozess unterstützen?

JNC: Wir finanzieren aus unserem Special Situations Fund heraus alles, was Banken nicht mehr mittragen können oder wollen, dazu gehören Restrukturierungen, Wachstumsinvestitionen bei schlechter Bonität, sowie Branchen, um die die Banken einen Bogen machen, wie bspw. den Immobiliensektor.

In welcher Phase treten Sie auf den Plan?

JNC: Wir kommen erst ins Spiel, wenn die Bank raus will. Grundsätzlich sind hier zwei Szenarien denkbar: Erstens, wenn das Restrukturierungskonzept steht und die Bank oder andere Mitglieder des Konsortiums dies nicht mittragen wollen. Zweitens, wenn das Unternehmen schneller aus der Restrukturierung hinauswächst als geplant und früher neues Geld braucht, die Banken aber noch nicht nachfinanzieren können. In diesen Fällen lösen wir das Bankenkonsortium ab und stellen für eine Übergangszeit von zwei bis drei Jahren eine Brückenfinanzierung zur Verfügung, bis die Banken wieder ins Boot kommen.

Wie läuft das konkret ab?

JNC: Wir schauen uns die Aktivseite an und bewerten die Assets. Auf dieser Basis machen wir ein Finanzierungsangebot. Zusammen mit anderen Bausteinen wie Off-Balance-Sheet-Finanzierungen und abzüglich der Mittel für die Restrukturierung errechnet sich das Finanzierungsvolumen, das der Unternehmer den Banken anbieten kann. Häufig steuert die Unternehmerfamilie auch eigene Mittel bei. Die Bank bzw. das Konsortium entscheidet dann, ob sie aus der Finanzierung aussteigen will oder nicht. Die Verhandlungen mit den Banken führt zumeist der Unternehmer mit seinen Beratern.

Welche Assets kommen als Sicherheit infrage?

JNC: Wir akzeptieren alle Objektklassen des Sachanlagevermögens, wie Immobilien, Grundstücke, Vorräte und Forderungen, aber auch immaterielle Vermögensgegenstände wie Softwarelösungen und Patente.

Wie werden die Finanzierungen strukturiert?

JNC: Sehr flexibel. Das Darlehen kann getilgt oder endfällig zurückgezahlt werden. Zinszahlungen sind ebenso möglich wie ein Disagio oder die Aufteilung in beide Komponenten. Wir verwenden häufig Inhaberschuldverschreibungen, weil die Dokumentation einfacher ist und an die aktuelle Situation des Unternehmens angepasst werden kann.

Was passiert, wenn es schiefgeht?

JNC: Wenn nicht alles wie geplant läuft, können wir auf ein erfahrenes Restrukturierungsteam zurückgreifen, welches das Unternehmen eng begleiten kann, und zusätzlich auch mit Kontakten aus unserem Netzwerk helfen.

Und wenn es doch zu einer Insolvenz kommt?

JNC: In diesem Fall läuft das Unternehmen durch einen ganz klassischen Restrukturierungsprozess, sofern wir uns vorher noch nicht mit dem Unternehmen außergerichtlich geeinigt haben. Wir verfolgen ausdrücklich keinen Debt-to-Equity-Ansatz. Wir erleben immer wieder, dass die Unternehmer viel offener für eine Private-Debt-Finanzierung sind, wenn sie wissen, dass wir ausschließlich Fremdkapitallösungen anbieten.

Zu den Vorbehalten vieler Unternehmer gegenüber Private Debt zählt, dass diese Finanzierungen im Vergleich zur Bankfinanzierung als relativ teuer gelten. Ein Argument, das gerade für Unternehmen in der Krise schwer wiegt …

JNC: Unsere Renditeerwartungen bewegen sich auf einem ähnlichen Niveau wie die Erwartungen der Banken in der Restrukturierungsphase. Abgesehen davon sind wir viel schneller und agiler als ein großes Konsortium, da wir Finanzierungen aus einer Hand anbieten können – auch für größere Volumina. Das hat den Vorteil, dass die Abstimmung schnell geht, was besonders in Krisensituationen wichtig ist. Letztlich sind wir aber nur ein Begleiter auf Zeit, bis sich die Unternehmen wieder über Bankkredite finanzieren können. Wir stehen mit den Banken nicht in Konkurrenz.

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