Viele Kanzleien haben die Digitalisierung noch gar nicht abgeschlossen, da kommt mit generativer KI schon die nächste Herausforderung. Welches Potenzial steckt hinter ChatGPT & Co.? Wie werden große Sprachmodelle bereits eingesetzt und was bedeutet das für den Rechtsmarkt? Wir haben uns unter den „First Movern“ umgehört.
Unsicher, fehleranfällig, diskriminierend – ChatGPT ist noch lange nicht ausgereift und doch: Der Künstlichen Intelligenz (KI) wird Disruptionspotenzial zugeschrieben, insbesondere für den Rechtsmarkt. „Die Disruption durch KI wird kommen, und zwar viel schneller, als die meisten sich dies vorstellen. Das, was wir bislang sehen, ist nur die Speerspitze dieser Entwicklung“, behauptet Rechtsanwalt und Legal-Tech-Experte Tom Brägelmann und steht mit dieser Meinung nicht allein da. Im Gegenteil, in der Legal-Tech-Community ist man sich ziemlich einig: Large-Language-Modelle (LLM) werden die juristische Praxis von Kanzleien revolutionieren – und das schon sehr bald.Dass auf einmal alles so schnell geht, hat viele überrascht. Die meisten Kanzleien sind noch mit der Digitalisierung beschäftigt und nun sollen sie sich mit KI auseinandersetzen?
Hilfsmittel für mehr Effizienz
Was zukünftig in der Rechtsbranche alles möglich sein soll, erfährt man innerhalb weniger Augenblicke durch eine Abfrage bei ChatGPT:
- Mit der Einführung von KI-Systemen lassen sich Routineaufgaben wie das Durchsuchen und Analysieren von umfangreichen Rechtsdatenbanken, die Erstellung von Verträgen und rechtlichen Dokumenten sowie die Verwaltung von Akten und Terminen automatisieren.
- Mit Data-Mining-Techniken können in Sekundenschnelle umfangreiche Rechtsdatenbanken durchsucht und relevante Fallrechtsprechung, Präzedenzfälle und rechtliche Informationen aufgespürt werden.
- KI-basierte Systeme helfen zudem bei der Due Diligence und Vertragsanalyse, indem sie Verträge automatisch durchsuchen und wichtige Klauseln, Risiken oder Unstimmigkeiten identifizieren. Dies vereinfacht den Prozess der Vertragsbewertung erheblich und verringert das Risiko menschlicher Fehler.
- Predictive Analytics berechnet die Erfolgschancen von Rechtsstreitigkeiten. Durch die Analyse vergangener Fälle und ihrer Ausgänge können KI-Systeme potenzielle Entwicklungen vorhersagen und die Anwälte mit fundierteren Entscheidungsgrundlagen unterstützen.
Und auch zu den viel diskutierten Risiken, die mit der Nutzung von ChatGPT einhergehen, spuckt der KI-Bot Brauchbares aus und warnt etwa vor Arbeitsplatzverlust, Datenschutzverstößen, der eigenen Fehleranfälligkeit und Diskriminierungen.
Mit Bedacht nutzen
Chatbots mit einer generativen KI wie ChatGPT basieren auf neuronalen Netzwerken, die sich – sofern sie mit ausreichend Daten gefüttert werden – selbst trainieren. Sie können Sprache kontextualisieren und eine menschähnliche Konversation simulieren. Neben ChatGPT von Open AI gibt es weitere große KI-Modelle zur Sprachverarbeitung, u.a. von Google, DeepMind, Meta, Microsoft und Nvidia. Da ein solcher Chatbot Texte auf Basis von stochastischen Wahrscheinlichkeiten generiert, indem er Wörter erkennt, die miteinander in Verbindung stehen, können die Ergebnisse auch fehlerhaft sein, z.B. in Bereichen, in denen nicht ausreichend Daten zur Verfügung stehen. Auf diese Weise entstehen auch sogenannte Halluzinationen und Halluzitationen, also Referenzen, die gar nicht existieren.
Ein New Yorker Anwalt erlebte vor Kurzem eine Blamage, als er bei Gericht einen Antrag einreichte, der sich auf Rechtsfälle bezog, die es gar nicht gab. Er hatte sich bei seiner Recherche auf ChatGPT verlassen und die Angaben nicht überprüft. Der KI-Bot hatte einige Fälle und Urteile, auf die der Anwalt verwies, schlichtweg erfunden. Mit der neuen Version GPT 4 ist die Häufigkeit von Halluzinationen zwar geringer geworden und der Chatbot ist mitunter nun auch in der Lage, die eigene Unzulänglichkeit einzugestehen. Verlassen sollte man sich dennoch darauf nicht.
Für Brägelmann sind Halluzinationen kein Argument, die Leistungsfähigkeit von ChatGTP grundsätzlich infrage zu stellen: „Die KI entbindet uns nicht von der Sorgfaltsplicht, alle Argumente und Zitate, die über Chatbots generiert wurden, zu überprüfen. Sie kann Anwälte auch nicht ersetzen, aber die Arbeit deutlich erleichtern“, ist Brägelmann überzeugt.
Anwendungen in der Praxis
Eine Alternative – ohne Halluzinationen und Urheberrechtssorgen – bieten Modelle, die mit eigenen Kanzleidaten gefüttert werden. Allen & Overy und PwC kooperieren seit diesem Jahr mit dem Start-up Harvey, einer KI-Plattform, die vom Open AI Startup Fund finanziert wird und auf einer für den Rechtsmarkt optimierten Version von GPT 4 basiert. Harvey nutzt eine Kombination aus natürlicher Sprachverarbeitung, maschinellem Lernen und Datenanalyse. Die Plattform ist multilingual und beherrscht verschiedene Rechtsbereiche. „Während das Ergebnis einer sorgfältigen Prüfung durch einen A&O-Anwalt bedarf, kann Harvey dabei helfen, Erkenntnisse, Empfehlungen und Vorhersagen auf der Grundlage großer Datenmengen zu generieren, sodass Anwälte ihren Mandanten schnellere, intelligentere und kostengünstigere Lösungen liefern können“, heißt es seitens A&O. Und auch bei PwC ist man zuversichtlich, dass sich der Einsatz von Harvey auszahlen wird.
Doch nicht nur für große Kanzleien und Beratungshäuser ist KI interessant, auch mittelständische Kanzleien ziehen mit. Beispiel KSB Intax: Die Wirtschaftskanzlei mit rund 70 Berufsträgern an drei Standorten startete vor einigen Monaten ein Pilotprojekt mit dem „Software as a Service“(SaaS)-Assistenzsystem Prime Legal AI des Hannoveraner Legal-Tech-Unternehmens QNC. Das Ziel: Die Nutzbarkeit der kanzleieigenen Datensätze soll verbessert werden. „QNC hatte ursprünglich IBM Watson genutzt, um Datensätze semantisch zu durchsuchen; dann kamen GPT (Generative Pre-trained Transformers) und damit der Quantensprung“, erklärt Rechtsanwalt Jan Schätzel, der in der Kanzlei für das Projekt verantwortlich ist.
Prime Legal AI basiert grundsätzlich auf einer eigenen Datenbank von rund 300.000 beantworteten Rechtsfragen. Bei dem gemeinsamen Projekt mit KSB Intax wurden die Datensätze mit eigenen Arbeitsprodukten und Vorlagen der Kanzlei ergänzt. Um den Datenschutz und das Mandantengeheimnis zu wahren, lässt KSB Intax die Daten von einer speziell entwickelten Software anonymisieren, bevor sie die Sphäre der Kanzlei verlassen und in einer eigenen Cloud von der KI verarbeitet werden. Bislang werden größtenteils Datensätze aus den Bereichen Gesellschaftsrecht, M&A und Venture Capital im Testlauf verwendet. Die KI erledigt innerhalb von Sekunden Aufträge, erstellt Vertragsentwürfe oder Textvorschläge ausschließlich auf Basis der Kanzleidaten. Er und seine Kollegen seien von den Ergebnissen überwältigt, schwärmt Schätzel. „Die Datensätze werden jetzt nicht nur viel schneller gefunden, sondern auch direkt miteinander verknüpft und verarbeitet.“ In den kommenden Monaten soll der Prime Legal AI Assistent nach und nach in der gesamten Kanzlei ausgerollt werden.
Die Konkurrenz schläft nicht
Harvey und Prime Legal AI sind längst nicht die einzigen Modelle auf dem Rechtsmarkt, die GPT bereits in einer Beta-Version in ihre Kanzlei-Software integriert haben, oder damit experimentieren. Andere heißen STP Legal Tech, RA-Micro, June, Jupus oder JunstinLegal – und das Angebot an neuen, generativen KI-basierten Lösungen zur Unterstützung der anwaltlichen Leistungserbringung wächst schnell.
Auch die Platzhirsche im Legal-Tech-Markt sind nicht untätig: Im vergangenen Jahr übernahm der Branchenspezialist Wolters Kluwer das Start-up Della AI, dessen Technologie bereits in der Software für Rechtsabteilungen Legisway integriert ist. Mithilfe der extraktiven KI von Della AI, die auf natürlicher Sprachverarbeitung basiert, lassen sich Daten und Informationen in Dokumenten in mehreren Sprachen prüfen, analysieren und verarbeiten. Darüber hinaus trainiert Wolters Kluwer aber auch eigene Sprachmodelle. Abgesehen davon habe man bereits diverse KI-basierte Lösungen im Einsatz, erklärt Legal Engineer Christian Hartz. „Zudem experimentieren wir mit ‚Natural Language Processing‘(NLP)-Technologien wie beispielsweise GPT.“ In einem konkreten Projekt mit Microsoft testet Wolters Kluwer GPT in einer „Sandbox“. „Wir haben unsere eigene Testumgebung. Damit können wir sicherstellen, dass unsere Daten auch bei uns bleiben“, so Hartz. Man schaue sich gemeinsam mit den Kunden den Use Case ganz genau an und prüfe, wie sich die eigenen Produkte durch den Einsatz der NLP-Technologie weiterentwickeln ließen. Allerdings seien die Prozesse noch nicht bei allen Kunden ausreichend digitalisiert, um KI zu implementieren.
Chance für die Kleinen
Gerade deshalb sei ChatGPT eine einfache Möglichkeit, schon jetzt mit KI zu arbeiten, sagt Daniel Halft, Experte für digitale Transformation in der Rechtsberatung. Legal Tech könnten sich bislang nur die großen Kanzleien leisten. „Mit ChatGPT gibt es nun ein Tool, das nicht viel kostet und ohne viel technisches Vorwissen genutzt werden kann.“ Daher sei diese Technologie gerade für kleinere Kanzleien interessant, so Halft. „ChatGPT ist als Assistenzsystem flexibel einsetzbar. Das funktioniert auch für Kanzleien, die nicht über eine große Datenbank verfügen, mit der sie die KI füttern können“, bestätigt Brägelmann. Kanzleien, die ChatGPT geschickt einsetzen würden, hätten fortan mehr Zeit, sich in die juristische Materie zu vertiefen.
Und auch das Datenschutzproblem, das Kanzleien bislang hindert, eigene Daten in der offenen Umgebung von ChatGPT zu nutzen, könnte nach Ansicht der beiden Experten bald Schnee von gestern sein, wenn Open AI seinen Nutzern DSGVO-Konformität zusichern könne. „Die Anforderungen an den Datenschutz und das Mandantengeheimnis sind beherrschbar, wie wir am Beispiel von DeepL sehen, dessen Dienstleistung viele Kanzleien bereits in Anspruch nehmen“, glaubt Brägelmann und skizziert die Zukunft: „Von großer Bedeutung könnte die Integration von juristischen Datenbanken werden, die der KI Zugriff auf das gesamte deutsche Rechtswissen ermöglichen würden.“ Die Auswirkungen auf den Markt wären enorm.
Doch auch so wird ChatGPT die Kanzleiwelt verändern: Denn Mandanten werden nicht mehr bereit sein, die bislang übliche Vergütung zu zahlen, wenn Rechtsanwälte, aber auch Steuerberater und Wirtschaftsprüfer viele Aufgaben mit KI-Unterstützung viel schneller lösen können. „Für Arbeiten, die ein KI-Bot in weniger als einer Minute erledigt, kann man nicht mehrere Stunden abrechnen“, gibt Halft zu bedenken. Daher müssten sich die Kanzleien bald Gedanken machen, wie sie ihre Vergütungsmodelle neu strukturieren. Ein Grund mehr, sich mit KI zu beschäftigen, um nicht den Anschluss zu verlieren.


Illustration: Stefanie Schwary