Kreditvergabe: Nachhaltigkeit zählt

Beitrag von: Jonas Sulzberger
27. Dezember 2023

Kreditnehmer müssen sowohl beim Neuabschluss als auch bei der Prolongation bestehender Darlehen wieder deutlich tiefer in die Tasche greifen. Klimasündern drohen zukünftig noch höhere Finanzierungskosten und -beschränkungen.

 Die Kapitalbeschaffung für Unternehmen wird zunehmend schwieriger. So haben sich infolge des beispiellosen Anstiegs des EZB-Leitzinses nicht nur die Kapitalkosten signifikant verteuert, sondern auch die zunehmend restriktiven Kreditrichtlinien eine Darlehensaufnahme spürbar verkompliziert. In einer von EY erhobenen Kreditmarktstudie gaben 76 Prozent der 120 befragten Bankmanager an, dass sie im Jahr 2023 ihr Anforderungsprofil für die Kreditvergabe verschärft haben oder dies bis Ende des Jahres noch planen. Der Trend hin zu strengeren Kreditanforderungen hat sich in den vergangenen Monaten allerdings abgeschwächt. Bei der Vergabe von Unternehmenskrediten spielen jedoch mittlerweile Nachhaltigkeitskriterien eine immer größere Rolle.

Klimaschädliche Unternehmen werden zunehmend abgestraft

So ergab der „Bank Lending Survey“ der Deutschen Bundesbank, dass Kapitalgeber ihre Vergaberichtlinien für „braune“ Unternehmen überproportional stark verschärften. Damit sind solche Unternehmen gemeint, die in hohem Maße zum Klimawandel beitragen und bei der klimafreundlichen Umgestaltung ihrer Geschäftsprozesse keine oder nur geringe Fortschritte erzielen. „Gelbe“ Unternehmen, die zwar zum Klimawandel beitragen, jedoch merkliche Fortschritte auf dem Gebiet verzeichnen, waren laut Studie dagegen deutlich seltener von restriktiveren Auflagen betroffen, während die Vergabekriterien für „grüne“ und somit das Klima nicht bzw. minimal negativ beeinflussende Unternehmen im selben Zeitraum quasi keiner Anpassung unterlagen.

Zwar hätten die strengeren Kreditrichtlinien nur selten zu einer Ablehnung des Kreditantrages geführt, jedoch hätten Banken als Risikoausgleich häufig umfangreichere Sicherheiten, detailliertere Dokumentationen oder höhere Zinsmargen gefordert. Letzteres bestätigt auch eine 2020 von Metzler Asset Management veröffentlichte Marktstudie, nach der ESG-vorbildliche Unternehmen gegenüber Nachzüglern von signifikanten Kapitalkostenvorteilen profitieren können.

Somit kommt dem Thema Nachhaltigkeit nicht nur unter geschäftspolitischen Aspekten eine hohe Bedeutung zu. Auch hinsichtlich des Zugangs zum Kreditmarkt wird das Thema immer relevanter. Dies bestätigt auch eine aktuelle Untersuchung der Deutschen Bundesbank, in der 70 Prozent der befragten Kreditinstitute angaben, in den nächsten zwölf Monaten ihre Kreditpolitik mit Fokus auf klimaschädliche Unternehmen weiter verschärfen zu wollen.

Fehlende Standards erschweren Prüfprozess

Dabei stellt die Implementierung des angestrebten Paradigmenwechsels im Kreditvergabeprozess für viele Banken eine immense Herausforderung dar. So gab in einer 2023 von EY durchgeführten Bankenumfrage nur jedes fünfte Kreditinstitut an, im aktuellen Kreditvergabeprozess Nachhaltigkeitskriterien zu berücksichtigen. Demnach befinden sich 25 Prozent der Befragten derzeit noch im Umsetzungsprozess, während 41 Prozent zeitnah mit der Planung beginnen möchten.

Neben dem Mangel an klar definierten regulatorischen Vorgaben und umfassenden Datenbanken ist die Zurückhaltung der Banken bei der konkreten Umsetzung auch auf veraltete IT-Systeme zurückzuführen, wie eine EY-Studie zeigt. Lediglich 21 Prozent der Banken verfügen demnach über die erforderlichen Möglichkeiten, um aus ihren Bestandskrediten ESG-Kriterien herauszufiltern und eine klimabezogene Analyse durchzuführen.

Stattdessen weichen Kreditinstitute im Prüfprozess vermehrt auf eine Kombination aus verschiedenen Behelfsverfahren aus. Neben dem Ausschluss einzelner Branchen zielen diese häufig auf eine Ermittlung von hausintern definierten, nachhaltigkeitsbezogenen Kennzahlen ab, die im Anschluss Branchen-Benchmarks gegenübergestellt werden. Von einem allgemeingültigen Bankenstandard ist man jedoch noch weit entfernt. Davon betroffen sind vor allem Unternehmen, deren Geschäftsmodelle auf Basis von bankhausspezifischen, teilweise schwer nachvollziehbaren Prüfprozessen als klimaschädlich eingestuft werden.

Übergewichtung von Nachhaltigkeitsrisiken vermeiden

Auch wenn sich keine weitere Verschärfung der Kreditvergaberichtlinien abzeichnet, wird das Thema Nachhaltigkeit im Hinblick auf die wachsenden regulatorischen Anforderungen und die hohe mediale Präsenz in vielerlei Hinsicht weiter an Dynamik gewinnen. Als „braun“ deklarierte Unternehmen müssen infolgedessen nicht nur mit höheren Zinsaufwendungen rechnen, sondern sich auch auf restriktivere Kreditvergabekriterien und einen limitierten Kreditmarktzugang einstellen.

Um der sich hier abzeichnenden Überbewertung von Nachhaltigkeitsrisiken entgegenzuwirken, empfiehlt sich ein intensiver individueller Austausch mit den potenziellen Kapitalgebern – zumindest, bis eine Harmonisierung durch die bessere Verfügbarkeit und Auswertung klimabezogener Daten und der entsprechenden Prüfprozesse erreicht wird.

Illustration: 123rf.com/lnuge

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