Der Grundsatz der Risikodiversifikation gilt auch bei der Unternehmensfinanzierung. Gerade in Krisenzeiten ist die Liquiditätssicherung überlebenswichtig. Unterschiedliche Finanzierungsformen und -partner sorgen für den richtigen Mix.
Die Zinswende im vergangenen Jahr hat viele Unternehmen aus dem Mittelstand überrascht und zu spürbar höheren Finanzierungskosten geführt. Im Laufe dieses Jahres werden noch weitere Zinserhöhungen erwartet. Das Umfeld mit Energiekrise, Ukraine-Krieg, Inflation und Lieferkettenproblemen belastet die Unternehmen je nach Branche unterschiedlich, trägt aber insgesamt zur Kostensteigerung bei.
Aufgrund dieses schwierigen Umfeldes und der schlechteren Konjunkturaussichten haben Banken die Risikovorsorge erhöht. Die Kreditkonditionen und die Risikoprämien sind deutlich gestiegen. Bei der Kreditvergabe verhalten sich Banken spürbar zurückhaltender. Gerade im Mittelstand haben Unternehmen deshalb auf der Suche nach neuen Bankpartnern und zusätzlichen Kreditlinien große Schwierigkeiten. Aufwand und Zeitbedarf steigen zudem mit den Informationsanforderungen der Banken zur ESG-Thematik und Taxonomie.
Hohe Investitionstätigkeit trotz negativer Konjunkturaussichten
Trotz der erwarteten Rezession plant die Mehrheit der Unternehmen im Mittelstand umfangreiche Investitionen. Auslöser dafür sind u.a. die Transformation zu nachhaltigen, CO2-neutralen Geschäftsmodellen, die weitere Digitalisierung und die Neujustierung von Auslandsaktivitäten im Hinblick auf zu große Abhängigkeiten in der Produktion sowie von Beschaffungs- und Absatzmärkten. Die Umsetzung der Maßnahmen setzt die Verfügbarkeit ausreichender Kredite und Finanzierungslinien voraus. Hinzu kommen steigende Finanzierungserfordernisse für das Working Capital, ausgelöst durch die Lieferkettenproblematik sowie hohe Preisvolatilitäten bei Rohstoffen und Energie. Vor diesem Hintergrund rückt die Finanzierungssicherheit noch stärker in den Fokus des Managements.
Streuung und frühe Refinanzierung
Finanzierungssicherheit ist gewährleistet, wenn das Unternehmen auch in Phasen unerwarteter Marktstörungen oder temporärer Krisen ohne Prolongationen bestehender Kreditlinien oder Zugang zu neuen Finanzierungsmitteln auskommt. Es empfiehlt sich grundsätzlich, Kreditfälligkeiten mit einem Vorlauf von mindestens einem Jahr zu verlängern. Das wirkt sich positiv auf die Bonitätseinschätzung der Bank und somit die Konditionen aus. Ein ausreichender Liquiditätspuffer verbessert das Risikoprofil und dokumentiert vorausschauendes Risikomanagement. Freiräume im Bankenkreis und bei Kreditlinien lassen sich durch Umfinanzierungen in Objekt- und Spezialfinanzierungen wie Leasing- oder Immobilienfinanzierungen schaffen.
Risikominimierend sind mit dem Geschäftsverlauf atmende Finanzierungsformen im Working-Capital-Bereich. Dazu bieten sich Factoring, Reverse Factoring (Supply Chain Finance), Verbriefungstransaktionen mit Forderungsportfolien sowie verschiedene Formen der Finanzierung des Warenlagers an. Je nach Unternehmensgröße sind u.U. auch Finanzierungen über digitale Plattformen attraktiv. Deren Vorteile sind eine bessere Skalierbarkeit, ihr revolvierender Charakter und attraktive Konditionen. Oftmals dienen sie auch als Impuls für die weitere Digitalisierung von Geschäftsprozessen im Unternehmen.
Neue Kapitalgeber gewinnen
Der Unternehmenssektor in Deutschland, insbesondere der Mittelstand, vertraut traditionell stark auf Bankfinanzierungen. Die Abhängigkeit von wenigen Banken kann sich allerdings – besonders in Krisenzeiten – als Problem erweisen, wenn diese aus Risikoüberlegungen und Ratinggründen ungenutzte Linien streichen oder Kreditlinien kürzen.
Um die Finanzierung in solchen Phasen sicherzustellen, empfiehlt sich der frühzeitige Abschluss mittel- und langfristiger Finanzierungen außerhalb der Banken. Zu den derzeit interessantesten Alternativen zählen hierbei Schuldscheindarlehen und Private-Debt-Finanzierungen. In beiden Fällen werden die Finanzmittel durch Investoren zur Verfügung gestellt.
Ein Schuldschein ist ein direkt abgeschlossenes Darlehen zwischen mehreren Investoren und einem Unternehmen mit vergleichbarer Investmentgrade-Bonität. Transaktionen starten ab einem Volumen von 30 Mio. EUR. Übliche Laufzeiten liegen bei drei bis zehn Jahren. Eine Platzierung kann inzwischen komplett digital abgewickelt werden. Die Investoren sind in- und ausländische Banken, Versicherungen und Pensionskassen. Ein Rekord-Platzierungsvolumen von ca. 33 Mrd. EUR im Jahr 2022 veranschaulicht, dass selbst in Krisenzeiten eine Diversifikation der Finanzierungsinstrumente und Kapitalgeber zu attraktiven Konditionen gelingen kann.
Private Debt gehört zu den bankenunabhängigen Finanzierungsformen für Unternehmen mit und ohne Investmentgrade-Bonität. Die Konditionen liegen über denen des Schuldschein- und Bankenmarktes. Tranchen ab 5 Mio. EUR mit Laufzeiten bis sieben Jahre sind möglich. Kapitalgeber sind Fondsgesellschaften, Versicherungen, Pensionskassen und vereinzelt Family Offices. Private Debt wird in unterschiedlichen Rang-Strukturen, in Mischformen oder als Mezzanine-Tranche angeboten. Die Finanzierung erfolgt durch einen oder mehrere Investoren und unter einer Dokumentation. Mit den höheren Konditionen ist oft mehr finanzieller Spielraum für das Unternehmen verbunden als bei Bankfinanzierungen.
Die Instrumente Schuldschein und Private Debt zeigen, dass für Unternehmen auch ohne Kapitalmarktpräsenz und mit unterschiedlichen Bonitäten durch eine frühzeitige Finanzierung außerhalb des bestehenden Bankenkreises Möglichkeiten bestehen, sich für Krisenzeiten eine höhere Finanzierungssicherheit zu verschaffen.
Angesichts der Intransparenz in den beiden Finanzierungsmärkten sowie durch die Vielzahl der möglichen Transaktionsstrukturen ist für Erstemittenten die Begleitung durch einen Experten empfehlenswert, der in einem strukturierten Prozess die Auswahl der Platzierungs-oder Finanzpartner begleitet und leitet, um die beste Platzierungsstrategie und Konditionierung für das Unternehmen zu erreichen.
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