Zukunftssicherung im Mittelstand: Herausforderungen und Strategien für die Unternehmensübergabe

Beitrag von: Alexander Reichel und Holger Wassermann
30. November 2023

Für das Gelingen der Nachfolge leisten Unternehmervertraute schon heute einen wichtigen Beitrag – nicht nur für die Inhaberfamilie, sondern auch für den Mittelstand insgesamt. Angesichts der Aufgaben steigt die Verantwortung.

Der Mittelstand spielt in den Lieferketten der deutschen Wirtschaft eine entscheidende Rolle und ist Motor für Beschäftigung und Innovation. Die erfolgreiche Regelung der Unternehmensnachfolge liegt daher nicht nur im Interesse der Unternehmerfamilie und Mitarbeiter. Sie trägt auch über das Unternehmen hinaus zur Sicherung von Arbeitsplätzen und zur Förderung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums bei. Allerdings wird der Generationenübergang aktuell durch eine Reihe von Entwicklungen erschwert:

  • Hemmschuh Demografie:

Die demografische Entwicklung ist eine der größten Herausforderungen für den Unternehmensverkauf. Mit dem Renteneintritt der Babyboomer suchen immer mehr Unternehmer einen Nachfolger, gleichzeitig stehen immer weniger geeignete Kandidaten zur Verfügung. Zudem führt der demografische Wandel zu einem generellen Arbeitskräftemangel, der die Personalbeschaffung erschwert und die -kosten in die Höhe treibt.

  • Zinsbelastung steigt:

Steigende Zinsen verteuern die Finanzierung und verringern den Unternehmenswert für den Käufer. Darüber hinaus können höhere Betriebskosten die Rentabilität des Unternehmens belasten, was sich zusätzlich auf den Verkaufspreis auswirken kann. Für Verkäufer bedeutet dies, dass die Suche nach einem Käufer schwieriger wird oder die Kaufpreiserwartung nach unten korrigiert werden muss. Eine gründliche Finanzplanung und die Berücksichtigung der zukünftigen Zinsentwicklung sind daher entscheidend.

  • Disruption durch neue Technologien und Künstliche Intelligenz:

Die Entwicklungen im Bereich der digitalen Geschäftsmodelle und durch Künstliche Intelligenz führen in etlichen Branchen und Arbeitsbereichen zu tiefgreifenden Umbrüchen. Unternehmen, die auf diese Herausforderungen nicht vorbereitet sind, werden am Markt kaum Käufer finden. Neben sinkenden Verkaufspreisen ist auch mit Unternehmensliquidationen zu rechnen.

Erhebliche Konsequenzen

Das Gelingen des Generationenübergangs ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Massenweise ungelöste Nachfolgen können sich auf breiter Front negativ auf die Wirtschaft auswirken. Mögliche Szenarien sind:

  • Kunden – sowohl B2C als auch B2B – droht der ungeplante Ausfall von wichtigen Lieferanten und Abnehmern.
  • Wertschöpfungsketten geraten ins Wanken.
  • Bestimmte Dienstleistungsangebote – insbesondere im Handwerk – fallen in strukturschwachen Regionen weg.
  • Kredite fallen aus und verursachen Insolvenzen als Dominoeffekt.
  • Es droht Arbeitsplatzverlust in ländlichen Regionen. Dieser löst einen vermehrten Zuzug in die Städte aus, was dort zu weiter steigenden Mieten führt.
  • Die zunehmende Konsolidierung der deutschen Wirtschaft bringt steigende Betriebsgrößen mit sich und die Bedeutung und die Innovationskraft des Mittelstandes gehen zurück.

Frühzeitige Impulse und gestaltende Begleitung

Angesichts der Herausforderungen sollten die verschiedenen Interessensgruppen noch enger zusammenarbeiten. Eine besondere Rolle kommt hierbei den Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten zu, die als langjährige Begleiter der Unternehmer einen engen Kontakt pflegen und ein besonderes Vertrauensverhältnis genießen. Sie stehen deshalb in der „Pole Position“, wenn es darum geht, die Unternehmer frühzeitig auf das Thema Nachfolge anzusprechen und bei den Vorbereitungen zu unterstützen.

Idealerweise sollten Unternehmer ab dem 55. Lebensjahr mit der Nachfolgeplanung beginnen. Die Vorteile für die Mandanten liegen auf der Hand: So können bspw. Fristen wie die zehn Jahre aus dem Schenkungssteuerrecht oder sieben Jahre aus dem Umwandlungssteuerecht genutzt werden. Die Forcierung einer wertorientierten Steuerung würde zudem bereits vor der Unternehmensübergabe zu besseren Ergebnissen führen.

Auch aus Eigeninteresse der Unternehmervertrauten ist die aktive Ansprache der Mandanten auf das Thema Nachfolge geboten. Schließlich handelt es sich um ein margenträchtiges Kundensegment mit einem komplexen Beratungsbedarf. Zugleich ergeben sich Vorteile für Mitarbeiterbindung und -gewinnung: Durch die Betonung der gesellschaftlichen Aufgabe kann mehr „Purpose“ – also mehr Sinn der eigenen Tätigkeit – geboten werden. Chancen ergeben sich für die freien Berufe auch nach der Transaktion. Werden bspw. in den Kaufverträgen Earn-outs vereinbart, also erfolgsabhängige Kaufpreiskomponenten, die sich erst in den Jahren nach der Übertragung konkretisieren, empfehlen M&A-Berater regelmäßig, den bisherigen Steuerberater zu behalten, um die Kontinuität in Buchhaltung und Abschlusserstellung zu gewährleisten.

Engagement gefragt

Die begleitenden Berufe sind verstärkt gefordert, als Koordinatoren eines Netzwerks von Fachexperten zu guten Nachfolgelösungen im Mittelstand beizutragen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen sind alternative Unternehmensformen in Gestalt von Firmengruppen interessant. Hier bedarf es noch mehr Aufklärungsarbeit. Insbesondere die Verzahnung von Start-ups als Innovations- und Wachstumsmotoren mit dem etablierten Mittelstand bietet großes Potenzial.

ILLUSTRATION 123rf.com/dr911

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